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Waldzustand: Kein Umdenken in Sicht

Waldzustand: Kein Umdenken in Sicht

Der meistgefürchtete Störenfried des Waldes hat auch im Wollenberg zugeschlagen. Große Teile des Fichtenbestandes wurden während des heißen Sommers vom Borkenkäfer befallen, mussten entsprechend entnommen werden oder harren – zu erkennen an welken Wipfeln und Stämmen mit abplatzender Rinde – noch ihrer künftigen Fällung. Vor Ort konkret zu besichtigen ist eine Folge des allgegenwärtigen Klimawandels. Auf einen Nenner gebracht, lautet dessen Formel für den Wald: Steigende Temperaturen im Winter lassen mehr Eier und Larven des Schädlings überleben, zugleich wird die Lebensform Baum durch zunehmende Erwärmung geschwächt und schwinden dessen Abwehrkräfte gegenüber Angreifern.

Doch ist das nur ein Teil des Problems, der andere Teil besteht in der Anlage von monokulturellen Nadelholzplantagen zur forstwirtschaftlichen Ertragsoptimierung. Der Buchdrucker ist geradezu auf Fichten spezialisiert, wie es bereits sein Zweitname Großer achtzähniger Fichtenborkenkäfer zum Ausdruck bringt. Entsprechend sind diese Plantagen oder Kunstgebilde aus (ursprünglich) nicht heimischen Baumarten sehr anfällig. Eine Rückkehr zu Wäldern ursprünglicher Laubbaumarten, die nicht per se gegen Schädlinge resistent sind, aber als resilienter gelten, und die Zurückverwandlung der allgegenwärtigen Wirtschaftsforste in weniger anfälligen Urwald allerdings stehen nicht in Sicht.

Das zeigt auch ein Blick auf die aktuelle Bewirtschaftungspraxis im Bereich des Wollenbergs. Dort wurden erst kürzlich vom Borkenkäfer befallene Nadelholzbestände entnommen und sogleich neue Nadelhölzer angepflanzt: diesmal nicht Fichte, sondern Douglasie. Letztere gilt als der neue Wunderbaum. Die Douglasie erfreut sich vor dem Hintergrund des Klimawandels aus ökonomisch-waldbaulichen Gründen wachsender Beliebtheit. Denn sie kommt nicht nur mit Trockenheit, vor allem während sommerlicher Trockenperioden, besser zurecht als die Fichte. Sie zeichnet sich zusätzlich auch durch schnelle Wüchsigkeit, frühe Fruktifikation sowie, bezogen auf ihren Wasserhaushalt als auch ihren Lichtgenuss, auf ein weites Spektrum an Standortansprüchen besseres Aufwuchsniveau aus.

Doch hat eine Bestockung mit Douglasie auch erhebliche Nachteile. Diese werden sich möglicherweise erst in einigen Jahren oder gar Jahrzehnten zeigen. Bislang bestehen nämlich noch erhebliche Wissensdefizite hinsichtlich des langfristigen ökologischen Verhaltens und bezogen auf die naturschutzfachlichen Auswirkungen, etwa der Entwicklung der Lebensgemeinschaften und Artenvielfalt, unter dem Einfluss der nordamerikanischen Baumart.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) jedenfalls (siehe: Naturschutzfachliche Bewertung der Douglasie aus Sicht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN)) warnt davor, dass die gebietsfremde Baumart aufgrund fehlender Koevolution einer geringeren Anzahl von heimischen Arten – beispielsweise Vögeln und seltenen heimischen Insekten – Nahrungsgrundlage und Lebensraum bieten könne als vergleichbare heimische Baumarten. Auch besitze die Douglasie einen geringen Habitatwert. Insbesondere in Douglasienreinbeständen sei eine Tendenz zur faunistischen Artenverarmung festzustellen. Zudem sei an bestimmten Standorten zu beobachten, dass die Douglasie aufgrund ihrer höheren Konkurrenzkraft (Invasivität) indigene Pflanzen- und auf diese angewiesene Tierarten verdrängt und ganze Lebensgemeinschaften (Biozönosen) verändert.

In Natura-2000-Gebieten wie dem Wollenberg empfiehlt das BfN übrigens, die Douglasie nicht anzubauen und bereits bestehende Douglasienbestände im Rahmen waldbaulicher Eingriffe wieder aufzulösen. Doch vor Ort heißt es: Forstwirtschaft first, Naturschutz second. Ein Umdenken findet nicht statt.

Dass die Douglasie zugleich keine Resistenz gegenüber dem Borkenkäfer aufweist, dürfte demgengenüber nicht beruhigen. Der BfN-Bericht stellt dazu lapidar fest: „Mittlerweile wurden Bruten von zahlreichen rinden- und holzbrütenden Borkenkäferarten an Douglasie gemeldet. Auch zukünftig ist daher damit zu rechnen, dass sich weitere Holzkäferarten die Douglasie als Nahrungsressource erschließen werden.“

Bild oben:
Wuchshüllen mit Douglasiensetzlingen (Wollenberg: Ost-Süd-Süd-Exposition. Links im Bild: Parkender Forwarder.)
Quelle: bi-wollenberg.org, CC BY-SA 3.0